Mit dem Verlust des Siedlungszusammenhangs ging die "deutschbaltische Kultur" endgültig unter, wird im Begleitmaterial zum Film POLL geschrieben. Ich frage ehrlich in die Runde: Was war (oder ist) eigentlich die "deutschbaltische Kultur", was macht(e) sie aus, worin unterschied sie sich von der deutschen "Rein-"kultur? Wenn es eine eigene deutschbaltische gab, gibt sie der Film Poll auf jeden Fall nicht wieder bzw. zeichnet eine falsche.
Frank von Auer ist Estländer, also in Estland geboren. Er hat nicht nur Oda Schaefers Tagebuch gelesen („Auch wenn Du träumst, gehen die Uhren“ ist übrigens sehr wohl im Buchhandel zu erhalten!), das ein völlig anders deutschbaltisches Milieu zeichnet. Unter dem Titel: "Eine Großtante wird mißbraucht" schreibt er wie folgt:
"Oda Schaefer zeichnet nicht unkritisch, aber in warmen Farben das Bild einer deutschbaltischen Gesellschaft, auf der die Vorahnung des Ersten Weltkrieges lastet. Dennoch floss „das Leben auf dem Gut gleichmäßig dahin, sanft und mit kleinen Geräuschen wie ein Bach unter Gras und Farnen“. Der Film entwirft eine andere Szenerie, suggeriert jedoch, er spiegelte die Realität des Lebens im Baltikum, gaukelt über historische Namen wie Oda, Poll oder Kügelgen Authentizität vor. Chris Kraus (ein Großneffe Oda Schaefers) bezeichnet den Film als „historisches Drama“.
Aber mit der Geschichte steht er auf Kriegsfuß: Er verlagert die nationalen und kommunistischen Aufstände der Esten und Letten mit den Strafexpeditionen des russischen Militärs und des deutschbaltischen Selbstschutzes aus den Jahren 1905/1906 (siehe auch: Edzard Schaper in seinem Roman „Der Henker“) in die Vorkriegszeit 1914, die relativ ruhig war. Wie in jeder guten Schnulze sind die Aufständischen von adeligem Gemüt, ermordete Adlige und Pastore eigentlich selber schuld und nur die Strafexpeditionen blutig.
Das Leben auf einem baltischen Gutshof wird zur Karikatur: Kein Baron tummelte sich vor dem Dienstpersonal in einer Badeszene, kein Baronssohn wurde sadistisch bestraft und keinem Verwalter bei Tische angedroht, ihm „den Arsch zu versohlen“. Zumindest vor den Kindern und Damen wurde die Form gewahrt. Großtante Oda Schaefer erzählt dafür ein heiteres Beispiel: Als „der braungefleckte Jagdhund“ im Schlaf „bei geschlossenem Maul dumpf bellte oder absonderliche Geräusche und Gerüche von der entgegengesetzten Seite entweichen ließ“, durften „wir Kinder nicht darüber lachen, das wäre unanständig gewesen“. Der Film zeichnet aber ein Milieu, das mit einem baltischen Gutshaus wenig zu tun hat.
Von der Fähigkeit so mancher Deutschbalten zur ironischen Selbstkritik, zum Umgang miteinander auf einer zweiten Ebene, also zum "Pliggern", ist nichts zu spüren. Im Film sind sie durchweg humorlose, wenig sympathische Typen einer morbiden Gesellschaft.
Das Gutshaus stellt Chris Kraus auf Stelzen ins Meer – eine ebenso imposante wie realitätsferne Kulisse. Es hätte keinem Herbststurm getrotzt. Ach, hätte er doch die gewiss nicht geringen Kosten für die Renovierung eines der verfallenden Gutshäuser genutzt!
Die Schauspieler sollen sich des baltischen Idioms bedienen – pflegen jedoch ein merkwürdiges Kauderwelsch, in dem z.B. das G auch vor dunklen Vokalen wie J gesprochen wird (janz statt ganz, jut statt gut). Hätte der Regisseur seine Schauspieler intensiver üben lassen, wäre diese halbbaltische Kakophonie mit ihren falchen Eis zu vermeiden gewesen.
Eine historische Realität spiegelt der Film nicht. Aber muss er das? Ja, weil er selbst diesen Anspruch erhebt, aber den Zuschauer täuscht. Nein, weil alle Einwände aus deutschbaltischer Sicht nur Teilaspekte betreffen, der von einer etwas unbedarften Kritik als Kunstwerk gerühmt wird. So bleibt nur, sich ihn selbst anzusehen: sich über den Missbrauch einer Großtante, historische Fehlinformationen und falsche Milieuschilderungen zu ärgern oder - sich über die eindrucksvollen Bilder und Schauspieler eines filmischen Kunstwerkes zu freuen.