Montag, Januar 31, 2011

Halbbaltische Kakophonie oder: Eine Großtante wird mißbraucht ...

Mit dem Verlust des Siedlungszusammenhangs ging die "deutschbaltische Kultur" endgültig unter, wird im Begleitmaterial zum Film POLL geschrieben. Ich frage ehrlich in die Runde: Was war (oder ist) eigentlich die "deutschbaltische Kultur", was macht(e) sie aus, worin unterschied sie sich von der deutschen "Rein-"kultur? Wenn es eine eigene deutschbaltische gab, gibt sie der Film Poll auf jeden Fall nicht wieder bzw. zeichnet eine falsche.

Frank von Auer ist Estländer, also in Estland geboren. Er hat nicht nur Oda Schaefers Tagebuch gelesen („Auch wenn Du träumst, gehen die Uhren“ ist übrigens sehr wohl im Buchhandel zu erhalten!), das ein völlig anders deutschbaltisches Milieu zeichnet. Unter dem Titel: "Eine Großtante wird mißbraucht" schreibt er wie folgt:

"Oda Schaefer zeichnet nicht unkritisch, aber in warmen Farben das Bild einer deutschbaltischen Gesellschaft, auf der die Vorahnung des Ersten Weltkrieges lastet. Dennoch floss „das Leben auf dem Gut gleichmäßig dahin, sanft und mit kleinen Geräuschen wie ein Bach unter Gras und Farnen“. Der Film entwirft eine andere Szenerie, suggeriert jedoch, er spiegelte die Realität des Lebens im Baltikum, gaukelt über historische Namen wie Oda, Poll oder Kügelgen Authentizität vor. Chris Kraus (ein Großneffe Oda Schaefers) bezeichnet den Film als „historisches Drama“.

Aber mit der Geschichte steht er auf Kriegsfuß: Er verlagert die nationalen und kommunistischen Aufstände der Esten und Letten mit den Strafexpeditionen des russischen Militärs und des deutschbaltischen Selbstschutzes aus den Jahren 1905/1906 (siehe auch: Edzard Schaper in seinem Roman „Der Henker“) in die Vorkriegszeit 1914, die relativ ruhig war. Wie in jeder guten Schnulze sind die Aufständischen von adeligem Gemüt, ermordete Adlige und Pastore eigentlich selber schuld und nur die Strafexpeditionen blutig.

Das Leben auf einem baltischen Gutshof wird zur Karikatur: Kein Baron tummelte sich vor dem Dienstpersonal in einer Badeszene, kein Baronssohn wurde sadistisch bestraft und keinem Verwalter bei Tische angedroht, ihm „den Arsch zu versohlen“. Zumindest vor den Kindern und Damen wurde die Form gewahrt. Großtante Oda Schaefer erzählt dafür ein heiteres Beispiel: Als „der braungefleckte Jagdhund“ im Schlaf „bei geschlossenem Maul dumpf bellte oder absonderliche Geräusche und Gerüche von der entgegengesetzten Seite entweichen ließ“, durften „wir Kinder nicht darüber lachen, das wäre unanständig gewesen“. Der Film zeichnet aber ein Milieu, das mit einem baltischen Gutshaus wenig zu tun hat.

Von der Fähigkeit so mancher Deutschbalten zur ironischen Selbstkritik, zum Umgang miteinander auf einer zweiten Ebene, also zum "Pliggern", ist nichts zu spüren. Im Film sind sie durchweg humorlose, wenig sympathische Typen einer morbiden Gesellschaft.

Das Gutshaus stellt Chris Kraus auf Stelzen ins Meer – eine ebenso imposante wie realitätsferne Kulisse. Es hätte keinem Herbststurm getrotzt. Ach, hätte er doch die gewiss nicht geringen Kosten für die Renovierung eines der verfallenden Gutshäuser genutzt!

Die Schauspieler sollen sich des baltischen Idioms bedienen – pflegen jedoch ein merkwürdiges Kauderwelsch, in dem z.B. das G auch vor dunklen Vokalen wie J gesprochen wird (janz statt ganz, jut statt gut). Hätte der Regisseur seine Schauspieler intensiver üben lassen, wäre diese halbbaltische Kakophonie mit ihren falchen Eis zu vermeiden gewesen.

Eine historische Realität spiegelt der Film nicht. Aber muss er das? Ja, weil er selbst diesen Anspruch erhebt, aber den Zuschauer täuscht. Nein, weil alle Einwände aus deutschbaltischer Sicht nur Teilaspekte betreffen, der von einer etwas unbedarften Kritik als Kunstwerk gerühmt wird. So bleibt nur, sich ihn selbst anzusehen: sich über den Missbrauch einer Großtante, historische Fehlinformationen und falsche Milieuschilderungen zu ärgern oder - sich über die eindrucksvollen Bilder und Schauspieler eines filmischen Kunstwerkes zu freuen.

Kommentare:

  1. Nach Ansicht des Films kann ich hier nur eine Kritik teilen: die Figuren halten nur in zwei, drei (für den Film wichtigen) Szenen so etwas wie eine Mundart durch. Ob es die "baltische" gemäß Gerrit ist, oder irgend etwas anderes - das können wohl nur diejenigen beurteilen die sie gesprochen haben. Wer die verschiedenen Interviews der einzelnen Schauspieler verfolgt, ahnt dass sie auch nach Fertigstellung des Films hier noch nicht genau wissen, welche Sprache es eigentlich war oder sein müsste.

    Aber ist das für den Film wichtig? Auch die Äußerung von Frank von Auer klingt, als habe er sie noch vor Ansicht des Films geschrieben. Dass niemand der Filmbesucher heute vorher oder nachher Oda Schäfer im Original lesen kann, ist schade. Aber ich habe mich durch Filmschauen überzeugen lassen, dass auch das Symbol dieses bewußt irreal wirkenden Hauses das beste Sinnbild war um die filmischen Ideen des Drehbuchschreibers und Regisseurs (denn um diese geht es ja hier!) umsetzen zu können (siehe auch: "Untergang in Estland").

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  2. Noch habe ich den Film nicht ganz gesehen. Und wer ein wenig historisches Hintergrundwissen hat, wird natürlich im Kino klare Erwartungen an die korrekte Umsetzung der Zeitumstände haben. Ich unterstelle mal, dass der durchschnittliche Zuschauer mit wenig Vorkenntnissen ausgestattet sein wird. Deutschbalten, Estland und Russland und Erster Weltkrieg im Osten ist nicht gerade gängiger Geschichststoff. Das macht es natürlich leichter, das Drama einfach auf sich einwirken zu lassen.
    Jedenfalls scheint der Film im Moment ein Muss für alle Fuilletons zu sein. Schön, dass über Estland auch mal über ein anderes Thema geredet wird. Mehr erhoffe ich auch nicht.

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  3. Ich vermute mal, man muß die Idee eines Dokumentarfilms vergessen, wenn man sich dem Werk nähert, und stattdessen mit dem Konzept einer künstlerischen Umformung herangehen. Das Gutshaus auf den Uferfindlingen ist ja schon eine solche. Es erinnert mich derart stark an das Gebäude in Tarkowski's "Opfer", daß ich versucht bin, von einem Plagiat zu sprechen.
    Was die Mundart betrifft -- ich könnte es beurteilen, bin in diesem Milieu auch im Exil aufgewachsen. Es wurde gern gepliggert; das war wohl ein sehr typisches Kennzeichen des gesellschaftlichen Umgangs; und man achtete gleichzeitig auf eine gepflegte Form -- dazu muß ich sagen, daß es sich um ein bürgerliches, kein adeliges baltisches Elternhaus handelte. Man kann diskutieren, ob eine Kultur mit der Emigration endet; wenn man das so sehen würde, gäbe es auch keine lebendige tibetische Kultur, und das ist falsch. Denn die baltische Kultur wurde in meiner Familie noch bis zum Tode meines Vaters, also bis in die Achtziger, lebendig gehalten. Nun aber ist die Zeit, da die letzten Sprecher des Idioms, die letzten in der Heimat Geborenen sterben. Jetzt wird die baltische Kultur verschwinden, und das gibt Künstlern die Freiheit, mit einer Fiktion zu spielen. Wahrscheinlich ist das das Schicksal jeder sterbenden Kultur.

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