Dienstag, Februar 09, 2016

Ein echter Europäer

Eigentlich ist er schon seit vielen Jahren eine echte Größe in der estnischen Kulturlandschaft, wenn auch noch kein einziges Buch von ihm ins Deutsche übersetzt worden ist. Er gilt als scharfzüngiger, formulierungsstarker Beobachter der gesellschaftlichen Entwicklung in Estland, der die ganze Bandbreite von zarter Poesie bis hin zum politischen Engagement für die estnische Unabhängigkeit wie auch als Parlamentsabgeordneter ausprobiert; einer der einflußreichsten Lyriker Estlands bekam jetzt den Europäischen Literaturpreis zugesprochen: Jaan Kaplinski.

Als Sohn eines polnischen Vaters und einer estnischen Mutter 1941 in Tartu geboren, sind ihm Sichtweisen, die abseits liegen von verbohrtem Nationalismus, scheinbar geradezu in die Wiege gelegt. Deutschsprachige Leseinteressenten von Kaplinskis Werken müssen jedoch bisher lange suchen - Auszüge oder einzelne Gedichte sind bisher nur in einigen Ausgaben der inzwischen wieder eingestellten Zeitschrift "Estonia" zu finden (zuletzt im Hempen-Verlag erschienen), in einem Sonderheft der Literaturzeitschrift "Wespennest" des Jahres 2002, auch in dem 1999 erschienenen Band der Edition "Die Horen" von Georg Laschen "Die Freiheit der Kartoffelkeime - estnische Literatur". Bereits 1992 erschien eine Auswahl estnische Autor/innen bei der "Edition Junge Poesie" in Karlsruhe. Nichts darunter, was man in einer deutschen Buchhandlung heute noch finden könnte.

Der Europäische Literaturpreis wurde seit 2005 jetzt zum 11.Mal vergeben: Kaplinski ist der erste Preisträger der baltischen Staaten. Auszug aus der Laudatio:
"Kaplinski studierte Linguistik an der Universität Tartu. Er arbeitete wissenschaftlich in den Bereichen der Linguistik, Soziologie, Ökologie und als Übersetzer aus mehreren Sprachen ins Estnische. Er ist interessiert an keltischer Mythologie, den Indianern der USA und klassischer chinesischer Philosophie und Dichtung.
Während der Perestroika und der estnischen Unabhängigkeitsbewegung war er als Journalist aktiv, sowohl in Estland wie im Ausland. 1992-95 war er Abgeordneter des Estnischen Parlaments (Riigikogu). Er lehrte Geschichte der westlichen Zivilisation an der Universität Tartu. Er veröffentlichte mehrere Bücher mit Dichtung und Essays in Estnisch, Finnisch und Englisch. Seine Werke wurden bisher übersetzt in Norwegisch, Schwedisch, Lettisch, Russisch und Tschechisch.
Beeinflußt von Vertretern des Modernismus wie Rimbaud, Eliot und Pound sowie von der klassischen chinesischen Dichtung übersetzte er auch Werke aus dem Französischen, Englischen, Spanischen, Chinesischen und Schwedischen (Gedichte von Tomas Tanströmer). Er unternahm Reisen in viele Länder, darunter China, die Türkei und Russland. Er ist Mitglied mehrere Bildungsgesellschaften sowie der Universal Academy of Cultures, geleitet von Elie Wiesel."

Vielleicht sollte jemand mal Jaan Kaplinski fragen, was er dazu sagt, dass ihn der deutsche Buchmarkt bisher so ausdrücklich ignoriert hat - oder wird da noch was kommen?

Mehr zu Jaan Kaplinski: Wikipedia  -    Jaan-Kaplinski-Webseite (engl.) -

Online-Übersetzung der Geschichte "Wenn Heidegger ein Mordwinier gewesen wäre" (Übersetzung von Carola Haentsch)

"Eis und Heide" (zu finden auf der Jaan-Kaplinski-Webseite)

Jaan-Kaplinski-Blog (estnisch)

Donnerstag, Januar 28, 2016

Toomas hat ne Neue

Fast liest es sich wie eine estnische Variante des bekannten Merkel-Ausspruchs: "We will manage, Europe will manage" - so sagte es Präsident Toomas Hendrik Ilves in seiner Neujahrsansprache. Fürs verflossene Jahr diagnostizierte Ilves ein "Zittern und Wackeln" - nicht nur bei der europäischen Flüchtlingspolitik, auch in der Ukraine, und sogar in der estnischen Regierung.

Neue Stilikone Estlands: Ieva Kupce
Neujahrswünsche könnten viele Estinnen und Esten aber dieses Jahr für überflüssig gehalten haben, denn schon am 2. Januar fand die Trauung des estnischen Staatsoberhaupts (62) mit der Lettin Ieva Kupce (38) in der St.Anna.Kirche in Halliste statt. Wenig Zittern und Wackeln also im Privatleben - erst im April 2015 hatte Ilves die Trennung von seiner zweiten Frau Evelin Ilves bekannt gegeben. Nun also Ieva Kupce - zukünftige Ieva Ilves - 38 Jahre alt, aufgewachsen in Limbaži und Salacgriva; der Vater starb bereits als sie 3 Jahre alt war, die Mutter arbeitete in Limbaži als Kunstlehrerin. Ieva schloss ein Studium der Politikwissenschaften an der Lettischen Universität Riga ab, später auch an der John Hopkins Universität, Washington D.C., USA. Ihre offizielle Biographie zählt sie zu denjenigen Mitarbeiterinnen des lettischen Aussenministeriums, die bis 2004 die NATO-Mitgliedschaft vorbereiteten. 2006 war sie an der Durchführung des NATO-Gipfels in Riga beteiligt, danach arbeitete sie als Mitglied der lettischen Delegation bei der NATO in Brüssel und galt als Spezialistin für Azerbaidschan. Nachdem sie 2012 ihren Studienabschluß in Washington erreicht hatte arbeitete sie im lettischen Verteidigungsministerium als Expertin für Cybersicherheit. Es ist nicht überliefert, was Kupce von der Bezeichnung "Karrierediplomatin" hält.

Aus der Sicht von Ilves könnte man auch meinen, er suche nun seine Frau nach seinen politischen Vorlieben aus: NATO und USA, starker Westen und unbedingte Orientierung an modernen IT-Techniken - da ist zu erwarten, dass sich Ilves auch privat in Russland-kritische Betrachtungen oder zu nordisch-estnische Identitäten ausbreiten darf, ohne dass jemand ihm ungeduldig das Wort verbietet. Estinnen und Esten sind von ihrem gegenwärtigen Präsidenten allerdings auch gewohnt, dass er bunte "Patchwork-Spuren" hinterläßt. Seine jetzt geschlossene Ehe mit seiner 24 Jahre jüngeren Ieva ist seine dritte. Mit der US-amerikanischen Psychologin Dr. Merry Bullock hat er zwei Kinder: Luukas Kristjan (geb. 1987) und Juulia Kristiine (geb.1992). 2004 heiratete er Evelin Int-Lambot, die Tochter Kadri Keiu kam 2003 zur Welt.
Zur Familie Ilves dazu kommen nun zwei Kinder mit ebenfalls unterschiedlichem Namen: Ralfs Jānis Pundurs (geb. 2004, gemeinsames Kind mit Ivars Pundurs, momentan lettischer Botschafter in Griechenland) und Izabella Kupce (geb. 2014), deren Vater auf tragische Weise in Azerbeidschan verstarb.

Präsidiale Ex-Gattinnen: Merry (links) und Evelin

Nun muss sich die neue "First Lady" Estlands auch an öffentliche Auftritte und verschärfte Aufmerksamkeit der Medien langsam gewöhnen. Zu mehr als einem zögerlichen "tere õhtust" (estn. "Guten Abend") reichte es bei ihrem ersten Auftritt im estnischen Fernsehen noch nicht - es wirkte wie eine lästige Pflicht, so wie sie der stocksteife Moderator gleich nach diesen zwei Worten für ihre gute Aussprache lobte. Die folgenden 22 Minuten wurde Englisch parliert. "Ich muss akzeptieren, dass Toomas nicht nur Ehepartner, sondern auch Präsident ist," - auch dieses Statement wirkte sehr pflichtschuldig. Oder sind es Anzeichen gemeinsamen, nordisch-zurückhaltenden Temperaments?

Auch mit einer Frage "Was war der Moment, wann ist es passiert, als Sie sich verliebten?" lässt sich die lettische Präsidentengattin kaum aus der Reserve locken: natürlich folgten keine Details dazu, dass beide sich schon aus Brüsseler Zeiten kennen, als Ilves noch Abgeordneter des Europaparlaments war - also schon vor seiner voriger Ehe, die 2004 geschlossen wurde.
Seine neue Verbindung zur geliebten Ieva hatte der estnische Präsident im vergangenen Herbst zwar noch nicht öffentlich verkündet, aber auch nicht verheimlicht; das frisch verliebte Paar wurde gemeinsam auf mehreren Musikfestivals wie auch in Rigaer Cafés gesehen.
Beim Pilzeputzen habe Ilves - der seine neu Angetraute übrigens, deren eigener Aussage zufolge, für eine typische Livin hält - seinen Heiratsantrag gemacht, und diesen dann durch einen Verlobungsring bekräftigt. Und auf die Frage nach den Gründen einer kirchlichen Vermählung folgte kein öffentliches Glaubensbekenntnis, sondern ebenfalls ein recht allgemeiner Satz von der "großen symbolischen Bedeutung der Kirche". "Für mich war es die erste kirchliche Heirat, und wir beide sind der Überzeugung, dass es richtig war es so zu tun," so Ieva Kupce. "Und es war auch nicht zu früh dazu", begegnet sie Auffassungen, man habe sich ja auch noch etwas Zeit lassen können. "Ein Abschnitt mit Freunschaft lag schon hinter uns, nun entwickelten sich neue Dimensionen."

Offenbar reagierten estnische Medien auf die schnelle Wiederheirat ihres Noch-Präsidenten (seine Amtszeit läuft dieses Jahr aus) kritischer als die lettischen, wo hauptsächlich Begeisterung über ihre "zweite First Lady" vorherrschte. So sah sich Ieva Ilves offenbar veranlaßt öffentlich zu verkünden, dass auch Isabella, ihr erst 2 Jahre altes Kind, nicht etwa bereits ein gemeinsames Kind mit Präsident Ilves sei.
Allerdings hat auch die "Neatkarīgā Rīta Avīze" ("Unabhängige Morgenzeitung") sich zumindest in Ieva Kupces Steuererklärung näher vertieft: Grundbesitz in Salacgrīva, eine Wohnung in Limbaži, Anteile an gemeinschaftlichem Landbesitz in Riga, und auch noch eine Wohnung im malerischen georgischen Städtchen Kazbegi sei dort ebenso aufzufinden, wie der Besitz von zwei Autos (einen neuem BMW und einem alten VW Golf). Wo es andernorts ein Steuergeheimnis gibt, gelten solche privaten Details in Lettland, wo die Anschuldigung dass Politiker und Emporkömmlinge hemmungslos persönlich bereichern, als gewohnter oder erlittener Teil von öffentlicher Transparenz. So wird denn auch noch hinzugefügt, dass auf Kupces Haben-Seite 10.000 Euro und 5.000 US-Dollar verbucht sein sollen, dazu 82.000 Euro Schulden. (NRA 15.1.16)

Estlands neue First Lady machte klar, dass sie vorhabe, ihre berufliche Tätigkeit vorerst weiterzuführen, und präsidiale Aufgaben immer dann wahrzunehmen, wenn es notwendig sei. In sofern wird die Klatschpresse sicherlich genau verfolgen, wie zum Beispiel der Nationalfeiertag am 24. Februar ablaufen wird.

Samstag, Januar 02, 2016

Musketiere in Schulsporthalle

Auch in den Kinos bekommen es Interessierte mit "Die Kinder des Fechters" in diesen Wochen mit einem Sport zu tun, der in den deutschen Medien so gut wie keine Sendezeit hat, also kaum jemandem aktuell näher bekannt sein sollte: dem Fechtsport. "Die Zahl derer, die in Deutschland hobbymäßig dem Fechtsport nachgehen, wird auf zirka 25.000 geschätzt", schreibt der Deutsche Fechterbund, organisiert in 500 Fechtvereinen. Einerseits kann stolz berichtet werden, Fechten gehöre neben Boxen und Ringen zu den "ersten Wettbewerben der Menschheit" (auch besonders Ringen hat stark an Popularität verloren, gegen die Herausnahme aus dem olympischen Programm wurde kürzlich erfolgreich protestiert). Andererseits ist Fechten in der regionalen Sportberichterstattung vor allem in süd- und westdeutschen Landen präsent: die deutschen Meister kommen in der Regel aus Augsburg, Böblingen, Heidenheim, Koblenz - seltener auch mal aus Leverkusen, Düsseldorf, oder Bonn. In den 1980iger und 1990iger Jahren war Tauberbischofsheim in den bundesdeutschen Schlagzeilen als "Mekka des Fechtsports", und die Stadt ist wohl heute noch eine der wenigen, wo Fechten gleich auf den ersten Blick als Bestandteil des Images der Stadt zu erkennen ist. Mit über 370 Medaillen bei olympischen Spielen, Welt- und Europameisterschaften zählt der Fecht-Club Tauberbischofsheim e.V zu den erfolgreichsten Vereinen weltweit - 1976 war der heutige Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) Thomas Bach Olympiasieger im Herrenflorett. Zuletzt vor 30 Jahren wurde mit Cornelia Hanisch eine Fechterin Deutschlands Sportlerin des Jahres (1985), im Jahr darauf war es die Degenfechter-Mannschaft.

Fechterimage
"Kids von heute können Fechten voll cool finden: Jede und jeder nimmt schließlich mal einen Holzstock vom Waldboden (oder den Strohhalm vom Saftglas) und fängt an  sich zu schlagen - pardon zu fechten." So schreibt es der Deutsche Fechterbund. Was gerne verschwiegen wird, sind häufige Assoziationen mit den früher häufigen "schlagenden Verbindungen" der deutschen Studentenschaften, weit verbreitet vor allem zu Zeiten des deutschen Kaiserreichs (auch: "Burschenschaften"), zu deren bekannt-berüchtigten Ritualen Duell und Mensur (Fechten mit scharfen Waffen) gehörten. Verbindungen zu politischen Strömungen waren dabei unterschiedlich gelagert: mal waren es Katholiken gegen Protestanten, nach 1850 waren viele durch zunehmenden Antisemitismus, stark konservativen Einstellungen und Nationalismus gekennzeichnet. Zu studentenbewegten Zeiten (68iger) standen die Burschenschaften und Studentenverbindungen unter besonders starker Kritik, in den sozialistischen Ländern galt auch Fechten als Teil typischer Relikte der alten herrschenden Klassen. - Auch heute noch gibt es Streitfragen; aktuell traten in den letzten Jahren 40 Burschenschaften aus dem Dachverband aus, weil ihnen dessen Tendenzen - beispielsweise Ausschluß von nicht-deutschen Mitgliedern - zu rechtsradikal schienen.

estnisches Fecht-Idol:
Julija Beljajewa
Diese Thematik - fokussiert auf Sowjet-Estland - hat nun ein Film zur Grundlage, der im Dezember auch in die deutschen Kinos kam. Während der deutsche Kinobesucher vielleicht maximal etwas von den obigen Themen gehört hat - oder ganz neu zum ersten Mal Näheres über Fechtsport sehen wird - wie steht es um den Fechtsport eigentlich in Estland?
Im kleinen Estland erregt ja jeder Medaillengewinner große Aufmerksamkeit; so war es auch 2013, als bei den Fechtweltmeisterschaften sowohl Nikolai Novosjolov (Degen) wie auch Julia Beljajeva (Degen) die WM-Goldmedaille gewannen (Präsident Ilves gratulierte - wie sich das für einen estnischen Präsidenten gehört - per Twitter). Novosjolov, als ethnischer Russe gebürtig aus Haapsalu und seit 1996 im Besitz der estnischen Staatsbürgerschaft, wurde im gleichen Jahr (nach 2010) zum zweiten Mal Estlands Sportler des Jahres. Inzwischen ist er als Mitglied der Reformpartei sogar in die Politik eingestiegen. Für Beljajeva war der WM-Sieg eine kleine Sensation - wenn man den Sieg 2010 Juniorinnen-WM im Team 2010 mal ausnimmt - so wird man als Fechtsportlerin auch mal von Presse und Fans jubelnd am Flughafen Tallinn emfpangen. Aber vielleicht war es auch etwas Besonderes, als Beljajeva 2013 ebenfalls estnische Sportlerin des Jahres war und damit zwei Mitglieder aus derselben Branche in Estland geehrte wurden.

Eine Story von Drama und Abenteuer
Im estnischen Fechterfolgsjahr 2013 wurden sogar von Dichtern Loblieder aufs Fechten verfaßt (siehe Contra mit "Võimas Musketärimaa").
Schon seit 1971 wird jedes Jahr um das "Schwert von Tallinn" gefochten - beim ersten Mal waren 42 Teilnehmer/innen dabei, 2015 waren es 273. 
Beim Kinofilm "Kinder des Fechters" (estnisch: "Vehkleja”, Finnisch "Miekkailija") geht es um Endel Nelis aus Haapsalu, gespielt vom estnischen Schauspieler Märt Avandi. Das im Film erzählte Geschehen ist frei erfunden - anders gesagt, "dramatisiert" - und so kommt der Film darum herum, etwa von alten estnischen Burschenschaften oder gar glorreichen deutschbaltischen Zeiten erzählen zu müssen. "Jede Zeit schafft sich ihre neue Mythen" - das gilt auch für die Republik Estland. Die 2 Millionen Euro Budget teilen sich estnische, finnische und deutsche Produktionspartner, gedreht wurde natürlich in Haapsalu. Regisseur Klaus Härö wird mit diesem Film 2016 erneut Finnlands Oskar-Nominierung sein - für Härö zum dritten Mal. "Miekkailija" landete diesmal immerhin auf der Shortlist, (die besten 9 von 81 Bewerbungen), am 8.Januar werden die besten fünf für die Endausscheidung festgelegt (nominiert ist der Film übrigens auch für den Golden Globe). 2014 schaffte es die estnisch georgische Coproduktion "Mandarinen" (Mandariinid) auf die Liste der Oscar-Nominierten, gewann aber nicht. Dieses Jahr also hoffen die Esten auf den finnischen Umweg für den Einzug ins cineastische Pantheon.

Endel Nelis, mit Fechterstandarte
Der wirkliche Endel Nelis starb 1993 in Haapsalu. Aus dem von ihm gegründeten Fechtklub "En garde" gingen einige bekannte Esten hervor, wie z.B. der Politiker Andres Lipstok. Aber eine "wahre Geschichte" wird im Film nicht erzählt - besser gesagt wird die wirkliche Existenz dieser Person nur zum Anlaß genommen, einen eigenen Film zu machen - wohl vor allem, um die Filmhandlung in die Zeit 1952 / 1953 versetzen zu können. "Nelis hatte zwar oft mit Sowjetautoritäten zu tun, aber es gibt keinen Nachweis, dass er in ein Arbeitslager kam," gibt Regisseur Härö im Interview zu. Man habe mehr von Estlands Geschichte in die Handlung einbauen wollen. Und da ist ja auch noch Drehbuchschreiberin Anna Heinämaa, selbst Fechterin, die auf die Idee für den "Fechter" bei einem Spaziergang durch Haapsalu kam, als sie angeblich ungewöhnlich viele Menschen in Fechtkleidung herumlaufen sah (Tampere Magazin). In einem Fechtclub in Haapsalu sei sie dann auf Helen Nelis getroffen, Endels Tochter.
Die Verflechtung von angeblich realer Story mit dem Anspruch, estnische Geschichte erzählen zu wollen, treibt Kinogänger wie Lars Tunçay (indiekino) zu der Behauptung, in Estland kenne jeder Endel Nelis' Geschichte; das Schrauben am Image Estlands scheint zu funktionieren (und natürlich haben viele Esten nun den Film gesehen).

Kammerspiel in der Schulturnhalle
Ich musste unter den vielen kurzen Kinokritiken etwas suchen, bis ich eine Bezeichnung fand, die auch meinem Eindruck entspricht, nachdem ich den Film sah. Katharina Schulz bezeichnet es bei "Radio Berg" als "Kammerspiel in der Schulturnhalle". Treffend! Auch die Einordnung als "unkonventioneller Ansatz, der ansonsten abgesteckte Wege geht" kann ich teilen. Denn so ungewöhnlich zunächst der Ausgangsort der Geschichte sich anfühlt - am Ende des Films lassen sich doch eine ganze Menge Dinge aufzählen, die der Film eben NICHT erzählt: nicht über die Faszination des Fechtens an sich. Nichts über estnisches Leben in der Sowjetzeit. Sogar Endels wahrscheinlicher Hintergrund, dass er zu Zeiten der deutschen Besetzung als SS-Mitglied gekämpft haben könnte und daher auf der "schwarzen Liste der Roten" steht, wird nicht benannt. Vielmehr wird unter den Zusehern eine automatische Angst vor den "Schrecken des Kommunismus" vermutet und vorausgesetzt: "Der böse Schulleiter ist böse. Der weise Großvater ist weise. Die süßen Kinder sind süß, und die Politkommissare steigen in knöchellangen Ledermänteln aus ihren schwarzen Autos" (Katharina Schulz).
Dazu kommt dann noch, dass der Held der Kinder dann tatsächlich in Leningrad während des Fechtturniers vom KGB verhaftet wird - nur um dann nach einer kurzen Schwarzblende wieder - scheinbar unversehrt - am Bahnhof von Haapsalu aufzutauchen, unbeschadet, alle Kinderchen warten (und sehen noch genauso aus wie vor seiner Verhaftung), und der Held geht mit ihnen und seiner Geliebten im Arm in den Sonnenuntergang ...
Ross A. Lincoln drückt es bei "Dealine-com" so aus: "Ein Drittel 'Karate Kid', ein Drittel 'Club der toten Dichter', ein Drittel 'Animal Farm' ".

"Echter" Fechtnachwuchs, stolz auf das Geleistete
beim Fechtklub "En Garde" in Haapsalu
Ja, also ein schöner Film. Märt Avandi spielt durchaus beeindruckend, er entwickelt einen Charakter der Eindruck hinterläßt. Aber die Geschichte verharrt unentschlossen zwischen Kinderfilm und flach erzähltem Historienschinken. Es ist eben weder "Stalins Staat der Angst" (Badische Zeitung"), noch "David gegen Goliath". Diese heruntergekommende Schulturnhalle hätte auch im Westdeutschland der frühen Adenauerzeit stehen können, und die Lehrer hätten genauso menschenfeindlich und steif, auf Karriere bedacht, autoritätshörig und ähnlich unkollegial sein können.
Vielleicht ist es auch gerade die potentielle Ähnlichkeit zu eigenen Kindheitserlebnissen, die manche deutsche Kinokritker so positiv reagieren lässt. Oder vielleicht sogar die Begegnung mit vom Krieg traumatiesierten Kindern heute? Da trifft aktuell manches trendige zusammen.
Oder die vorgefassten Schablonen, die Deutsche nun mal so haben: Der "FilmNewsBayernBlog" zitiert die Münchner Produktionsfirma "Kick Film", die den Film offenbar mit Bezügen zur aktuellen poltischen Lage bewirbt. Von Putin bedrohte Esten als Motivation gerade diesen Film zu sehen. Putin, Stalin, Lenin ... alles dasselbe?

Kampfesmutige Esten und beachtenswert gute Kinderdarsteller - ok. Der Hauptdarsteller ein "schöner Ritter mit einem kleinen Geheimnis" (so Klaus Härö). Wenn da eben nicht das Drehbuch wäre, das alles zusammen wie in ein Korsett zwängt, keine Zweideutigkeiten, kein Konflikte, kein Scheitern und keine Lügen. Es kommt keine rechte Tiefe auf, trotz sehr gut komponierter Filmmusik (Gert Wilden Jr.). Eine gute Kameraführung und, schlicht und einfach "schöne Bilder", machen den Film dennoch zu einem recht kurzweiligen Kinoerlebnis.

Zorro Filmverleih / Fechtklub "En Garde" Haapsalu / Webseite zum Film

Mittwoch, Dezember 23, 2015

Schachgeburtstag

2016 wird ein Keres-Jahr! So ist es in estnischen Medien zu lesen, und offenbar ist es auch in der deutschen Schachwelt schon angekommen: die "Schachnachrichten" weisen besonders auf die 2-Euro-Gedenkmünze hin, die in Kürze erscheinen wird (ERR). Paul Keres, geboren am 7.Januar 1916 in Narwa, gestorben am 5.Juni 1975 in Helsinki, war - wie die Schachwelt weiß - einer der stärksten Schachspieler des 20.Jahrhunderts. Obwohl er nie Weltmeister war, hat er aber gegen neun amtierende oder ehemaligen Weltmeister Turnierspiele gewonnen. Paul Keres war auch Estlands Sportler des Jahres 1959 und 1962. Ganz oben an die Weltspitze kam er nie, daher nannten ihn manche auch "der ewige Zweite". Fast vierzig Jahre gehörte Keres zu den besten Schachspielern der Welt, auch bekannt durch seine Bücher mit brillianten Analysen. In der Straße Vene tänav 29 in Tallinn befindet sich das "Paul-Keres-Schachhaus".
Estland ehrte ihn schon zu Zeiten der estnischen Krone (1992 - 2010) mir einer Abbildung auf dem 5-Krooni-Schein. Vom 8.Januar an wird nun eine Gedenkmünze im Handel sein, in einer Auflage von 500.000 für den normalen Gebrauch als 2-Euro-Münze, 5.000 Stück werden speziell für Sammler in Sonderauflage produziert. (Eesti Pank). Den ausgeschriebenen Wettbewerb zur Gestaltung der Münze gewann Riho Luuse. 2016 werden auch eine Reihe von Schachturnieren in Gedenken an Paul Keres durchgeführt werden.

Montag, November 16, 2015

E-Estonia - englisches Estland

Estland ist stolz auf die Englisch-Kenntnisse der Estinnen und Esten. Nach der aktuellen Vergleichstabelle des "English Proficiency Index" (EPI) rangiert Estland auf einem sehr guten Platz 7. Ein Vergleich: Litauen liegt auf Platz 26, Lettland 22, Deutschland auf Platz 11. Vorn rangiert nahezu der gesamte skandinavische Block: Schweden (1), Dänemark (3), Norwegen (4) und Finnland (5). Dazu kommen die vielreisenden Niederländer (2) und mit Slowenien der erste Vertreter Osteuropas (6).

Die Macher des EPI, die 1965 in Schweden gegründete "Education First", nach eigenen Angaben "die größte privatwirtschaftliche Bildungsinstitution der Welt", gaben kürzlich zum fünften Mal die Vergleichszahlen zu den Englischkenntnissen in Europa heraus. "English first" ist hier die Devise - ob in Indonesien, Russland, China oder in Düsseldorf. Berechnet wird der EPI nach Englischtests, die in allen Ländern, in denen die Organisation tätig ist. Mindestens 400 Testteilnehmer pro Land sind nötig, jeder kann kostenlos an den Tests teilnehmen.

Natürlich werden die Englischkenntnisse nach diesem Verfahren speziell bei diejenigen überprüft, die auch Englisch lernen wollen. Wer gar kein Englisch kann und es auch nicht lernen will, wird nicht berücksichtigt. Also, man könnte auch sagen: wer bei EPI vorn liegt, ist Sieger unter den Eifrigen.

Gute Englischkenntnisse spiegeln ein höheres Einkommen wieder, meinen die Macher. Außerdem schneiden Frauen durchschnittlich besser ab als Männer. Für das estnische Außenministerium bedeutet EPI offenbar auch einen Indikator für die West-Orientierung: zwar konnte man den Platz gegenüber dem Vorjahr verbessern, betont das Ministeriums in einer eigenen Pressemitteilung, aber an den ehemals erreichten vierten Platz möchte man doch gerne wieder heran.
Einige Kommentare in den gängigen Internetforen (ERR) wiesen darauf hin, dass in vielen Ländern mit angeblich guten Englisch-Kenntnissen diese angeblichen Sprachkundigen auf den Straßen nicht wiederzufinden seien. Und: auch englisch Muttersprachler weisen darauf hin: sprecht so gut Englisch wie ihr wollt, wenn ihr nur auch euer Estnisch erhaltet!

Samstag, Oktober 31, 2015

Der schönste Mann

Bei den Estinnen und Esten sind eher Präsdent Ilves und Ex-Regierungschef Andrus Ansip beliebt, bei Russen in Estland eher Edgar Savisaar oder Vladimir Putin - soweit, so wenig überraschend. Wer aber ist Märt Avandi? Das estnische Umfrageinstitut EMOR TS fragte nach dem idealen Mann - und dieser war der meist genannte. Außerhalb Estlands vielleicht noch nicht so bekannt, aber das kann sich vielleicht bald ändern.

Freund der Kinder, starker Partner für die Frauen - aktuell
beeindruckend auch für die Estinnen (Abb.: Zorro-Film)
Märt Avandi - der estnische Til Schweiger? In der Pressemeldung zur Umfrage (ERR) ist davon die Rede, die "durchschnittliche estnische Frau" bevorzuge intelligente, gutherzige Männer. Avandi - der Name klingt für Unwissende ein wenig nach Autovermietung oder Italo-Restaurant - könnte aber zumindest auch deutschen Filmfans bald ein Begriff werden. Avandi ist aktuell der Hauptdarsteller in der finnisch-estnischen Koproduktion "Miekkailija" ("Vehkleja"), der bereits im Juni auf dem Filmfest München zu sehen war und im Dezember unter dem Titel "Die Kinder des Fechters" auch in die deutschen Kinos kommt (siehe Trailer).In Deutschland sind der Bayrische Rundfunk und ARTE Partner, also in diesen Programmen wird der Film wohl auch Platz finden. Für Regisseur Klaus Härö ist dieser Film bereits die vierte Nominierung (Vorschlag) Finnlands für den besten ausländischen Film bei den US-Acedemy Awards (Oscars). Auf diese Weise - denn es ist ja der Vorschlag Finnlands - gibt es jetzt zwei estnische Kandidaten: der estnische Vorschlag ist "1944" (siehe Blog).

Märt Avandi spielte bereits auf den Bühnen der Theater in Rakvere, Pärnu und Tallinn, trat auch als Sänger, Moderator und Comedian auf.2009 bekam er am estnischen Schauspielhaus den "Großen Ants" ("Suur Ants") verliehen, ein Preis für die Rolle des Asaf in dem Stück „Because ehk mängud tagahoovis“ ("Because", oder "Spiele im Hinterhof"). 2013 bekam er den Oskar Luts Preis für Humor. Auch Gastgeber der TV-Show "Estland sucht den Superstar" war Avandi schon. Ein viel beschäftigter Schauspieler ist Avandi sowieso. Und glücklich verheiratet ist er auch - mit Ehefrau Liis-Katrin, Tochter des Musikers, Komponisten und Sängers Tõnis Mägi; zur Familie gehören noch Sohn Herman und Tochter Helmi.

Aber was kümmert das die Verehrerinnen, wenn er dennoch in Filmclips sich weiterhin so exklusiv präsentiert wie gegenwärtig als Werbefigur für das Kinderspektakel "Pardiralli" - in einer Badewanne, allein. Mit einem ernsten Hintergrund: Märt und Liis-Katrins erster Sohn Albert starb 2012 an Krebs - das Festival wird zugunsten der Krebsforschung und der Behandlung von Krebskranken veranstaltet. Die Avandis engagieren sich auch für die estnische Vereinigung der Eltern von Krebspatienten (Eesti Vähihaigete Laste Vanemate Liit). Da scheint die Vorbildfunktion doch vielfach verdient, sicher nicht nur in den Augen der estnischen Frauen.

Freitag, Oktober 09, 2015

Nordlichter

Foto: Kalmer Saar/Minupilt.err.ee
Auch Norddeutsche nennen sich ja manchmal selbstbewußt "Nordlichter" - aber was Estland am vergangenen Dienstag an wahren Nordlichtern bzw. Polarlichtern (estn. "Virmalised") aufzubieten hatte, das lohnt den häufigeren Blick zum Himmel.
Ein gewaltiger Sonnensturm habe verursacht, dass es in ganz Estland ähnliche Farbfantasien am Himmel gegeben habe (ERR).

Wer mag da noch behaupten, ein Besuch in Estland lohne sich nur im Sommer?

Die "Naturmaler" des "Looduskalender"
Einige der schönsten Schnappschüsse des Naturphänomens hat auch "Estonian World" zusammengestellt. Wer in Estland vielleicht auf die Idee kommt, die Abendstimmung mit einem kühlen Bierchen zu "veredlen", könnte sich sogar mit "Virmalised-Bier" versorgen.

Oder man macht es wir die Macher des "Looduskalender" (Naturkalender), die zusätzlich zu den Himmelslichtern auch noch mit langzeitbelichteten Fotos experimentieren. 

Freitag, Oktober 02, 2015

Was ist los mit Savisaar?

Nachdem seit Ende der 1980iger Jahre in Estland eigentlich jede und jeder glaubte, Edgar Savisaar, der kantige, stets präsente Mann, der aus der nordwest-estnischen Gegend von Harku stammt, sei für das politische Leben in der kleinen Republik ebenso unvermeidlich wie einst diejenigen von Ungern-Sternberg für das Dorfleben eben dieser Gemeinde. Nun, die Ungern-Sternbergs sind in Deutschland gerade eben in Person einer jungen Nachrichtensprecherin wieder aufgetaucht - während es um die Sympathisanten Saavisaar's fast so einsam wird als hätte sich dieser auf eine Insel (estn. = saar) zurückgezogen. Oder er sei - wie Zyniker es sehen - an den Ort seiner Geburt zurückgekehrt (= ins Gefängnis).

Ausschnitt aus einem Werbespot des "Keskerakond":
Savisaar aller Orten ...
Eigentlich hatten sich die meisten Menschen in Estland bereits damit abgefunden, dass der Ex-Historiker, Philosoph, sozialistischer Parteigenosse, Wirtschaftsminister, Ministerpräsident, Bürgermeister und dreifach getraute Gatte wohl auf absehbare Zeit aus dem die Szene bestimmenden Leben nicht wegzudenken wäre - Rücktritte, Entschuldigungen oder Rückzug ins Privatleben stand eigentlich nicht auf der Agenda von Estlands erstem Edgar.

Nun kommt es aber "knüppeldick", wie man gerne sagt. Einerseits erhebliche Gesundheitsprobleme, zuletzt eine Operation an den Herzkranzgefäßen, und vor einigen Wochen bereits eine schwere Infektion, die letztlich zur Amputation eines Teiles des rechten Beines führte. Savisaar war danach zwar als Stadtbürgermeister zurückgekehrt, aber am 22.September mit der Anklage durch den estnischen Generalstaatsanwalt (Prokuratuur) konfrontiert, der ihn nicht nur in mehreren Korruptionsfällen für ausreichend verdächtig hält, sondern auch seine Entfernung aus dem Bürgermeisteramt fordert. Es soll um Vorgänge aus den Jahren 2014 und 2015 gehen und um Gelder - Summen jenseits der 100.000 Euro - die illegal auf Savisaar's Konto landeten. Ebenso angeklagt sind Ex-Politiker Vello Reiljan sowie fünf weitere estnische Geschäftsleute. Die Vorgänge sind wohl so fundiert, dass einige Medienschlagzeilen bereits lauten: "Savisaar's letzte Schlacht" (bbn).

Parteivorsitzender, Parlamentarier, Bürgermeister: der 65-jährige Politiker, der bereits einige Skandale fast unbeschadet überlebte, galt als ebenso politikbesessen wie rastlos. Nun fürchten aber bereits Parteifreunde der von Savisaar geführten Zentrumspartei (Keskerakond) bereits eine Ausweitung der Anklage wegen Bestechlichkeit auch gegen die Partei selbst.
Allerdings noch wagt sich niemand aus der (parteipolitischen) Deckung: am 29.November steht der Parteikongress der "Zentrumspartei", aber auch von den bisher für wahrscheinlich gehaltenen Nachfolgern, Jüri Ratas oder Kadri Simson, hat niemand bisher eine Kandidatur bekannt gegeben: gegen Savisaar möchte niemand antreten. Und wer weiß: manche hoffen immer noch auf dieselbe Dynamik wie bisher immer: Savisaar kehrte immer zurück.

Auch das Wahlergebnis zum Stadtrat zeigte wie dominant Savisaar bisher war: von etwa 115.000 Wahlberechtigten, die beim vergangenen Mal Zentrumspartei wählten, offenbarten sich allein 40.000 als Savisaar-Unterstützer, 25.000 persönliche Stimmen vereinigte der Politiker auf sich. Edgar Savisaar weist bisher alle Anschuldigungen des Gerichts als völlig unbegründet zurück und erklärte seine Unschuld.

Mittwoch, September 23, 2015

Ehrenrettung zwischen den Fronten?

Elmo Nüganen stellt sich keine leichten Aufgaben. Als Theaterregisseur ist er eigentlich bekannt für seine Adaptionen estnischer und russischer Novellen, seit 1992 Direktor des Stadttheaters Tallinn. Seit seinem Film "Nimed marmortahvlil" (zu deutsch: "Die Namen auf der Marmortafel", Estland 2002) könnte er als Chefkoordinator bei der Verbildlichung estnischer Geschichte gelten. Damals, weit vor dem 100.Jahrestags des Kriegsbeginns, war zumindest die deutsche Öffentlichkeit noch nicht eingestellt auf die estnische Variante des Kriegsausgangs: am Ende stand, nach hartem Ringen und mit dem Glück vom Zusammenbrechen zweier übermächtig scheinender Kriegsgegner profitieren zu können, die Unabhängigkeit Estlands.

Heute ist Nüganen einer der bekanntesten Regisseure Estlands. Aber er ist auch Schauspieler: erst kürzlich wurde "Mandarinen" (Mandariinid) für den Oscar nominiert, eine georgisch/estnische Koproduktion, in dem Nüganen eine Hauptrolle spielt; der Film schaffte es immerhin bis in die Endrunde der letzten fünf. Jetzt könnte Nüganen dieses Ziel als Regisseur erneut anvisieren: sein neuer Film "1944" (deutscher Arbeitstitel "Brüder / Feinde") wurde von Estland für die 88th "Academy Awards" 2016 vorgeschlagen.

Hintergrund des Films sind die Ereignisse bei den "Blauen Bergen" auf der Halbinsel Sõrve (Sworbe) auf Saaremaa (Ösel) gegen Ende des 2.Weltkriegs. Die Halbinsel war Schauplatz erbitterter Schlachten zwischen der deutschen Wehrmacht und der sowjetischen Roten Armee. 1944/45 beim Rückzug der Wehrmacht fanden tausende Soldaten hier den Tod. "Vend vena vastu" - ein Motto des Films: Brüder gegen Brüder.
Esten, die bei den Deutschen mitkämpfen mussten, Esten die auf der Seite der Sowjets standen. In diesem Fall die Geschichte von Karl und Juri. Der Filmtrailer stellt heraus: "Esten, in einem Krieg der anderen." So mögen sich manche Esten gefühlt haben, zwischen den Mühlsteinen der Großmächte, nach damals gerade mal zwei Jahrzehnten eines unabhängigen Landes. Möglichst objektiv wolle der Film das Schicksal diesser Männer darstellen, ihre Hoffnungen, Ziele, ihre Vorlieben und Träume. Kinobesucher dürfen gespannt sein - denn bei anderen filmischen Versuchen gerieten die filmischen Geschichten nur allzu oft entweder zu unscharfer Kriegsheldenverehrung, oder zur knatternden und knallenden Show von Spezialeffekten. Einseitige estnische Rechtfertigung nach dem Motto "unsere Motive waren stets ehrenhaft" wäre sicherlich ebenso fehl am Platze.

Seit Kinostart im Februar 2015 hatten den Film in Estland bereits nach 40 Tagen über 100.000 Menschen gesehen. Ein nach estnischen Maßstäben vergleichbares Debut legten nur Nüganen's "Marmorfafeln" hin. Der deutsche Titel "Brüder - Feinde" klingt noch ein wenig vorläufig und holprig: einfacher und schlichter wäre "feindliche Brüder". Produziert haben den Film die estnische "Taska Film", gegründet von Kristian Taska, Sohn des estnischen Filmemachers Ilmar Taska. Partner ist "MRP Matila Röhr Productions" aus Finnland. Die Realisierung wurde unterstützt vom Estnischen Filminstitut,dem estnischen Verteidigungsministerium, und privaten Sponsoren.

In der Sowjetzeit waren auf Sõrve Raketen stationiert. Ich persönlich hätte mir dieses Thema auch gut als estnisch-russische Koproduktion vorstellen können - aber nein, wie schade. Gegenwärtig sind Vergleiche der Auswüchse des Machtstrebens von Hitler und Stalin leider in Russland wenig in Mode. Einige im Internet eingestellte Ausschnitte bieten Anlaß für Diskussionen (zumindest Fragezeichen): ob Überschriften wie "Waffen SS in action" wirklich den Sinn des Filmes wiedergeben? Solange ich den Film nicht selbst gesehen habe fehlt allerdings die Vergleichsmöglichkeit, ob diese Szenen wirklich aus dem Nüganen-Film stammen. Die Reaktionen der "User" stimmen ebenfalls nachdenklich, zum Beispiel diese: "Whoah! An actual movie that shows how useless Russian actually were and how accurate Germans are."Bewunderer des "MG-42" melden sich dort ebenfalls zu Wort. Ähnliche Ausschnitte werden im Internet auch unter dem Schlagwort "battle on Tannenberg line" publiziert - natürlich nur mit solchen Teilen, die vermeintlich heroisch für die deutsche Seite enden. Von estnischer Seite sind einige "Making-off"-Szenen zu sehen, in denen besonders die Musik herausgestellt wird: Voldemar Kuslap und sein 'Lied von der fernen Heimat' (Laul kaugest kodust). Andere Szenen stammen offenbar von Privatpersonen. Und das Portal "PCGames" stilisiert den Film als "Antikriegsdrama". Auf "FilmTV" schreibt Jessica Neumayer: "Ein Anti-Kriegs-Drama, das vor allem durch seine Emotionalität punktet. Der Gewissenskonflikt der Soldaten, die auf ihre eigenen Landsleute schießen müssen wird so deutlich, dass man ihn fühlen kann. Brüder Feinde ist kein gewöhnlicher Kriegsfilm, weil er von allem etwas hat. Fans der Kriegsfilmreihen kommen auf ihre Kosten, aber ebenso ist der Film sehr gefühlvoll und hat auch ein paar kleine Witze bereit. Also wer etwas Ernsthaftes, zum Nachdenken sehen und dabei gut unterhalten werden möchte, ist hiermit gut bedient."
Im Internet ist die Diskussion um diesen Film offenbar schon ein paar Schritte weiter als in den Kulturspalten der Tageszeitungen.

Anfang Oktober kommt der Film auch in die deutschen Kinos.

Mehr über Elmo Nüganen / FilmTrailer deutsche Fassung

Montag, August 17, 2015

Zwischen Chemie und Alter Liebe: mit den Esten über die Elbe

In der Sommer- und Ferienzeit ist im deutschen Verkehrsfunk eine Durchsage über einen Stau an der Fähre Wischhafen-Glückstadt die Regel - und verkehrstechnisch bezeichnen viele, die nach Schleswig-Holstein wollen, auch den Weg durch Hamburg als "Nadelör".

Neben Hamburg, Bremerhaven, und auch Wilhelmshaven ist Cuxhaven eher als Kurort bekannt: auf der einen Seite das familien- und kinderfreundliche flache Wasser des Nationalparks Wattenmeer, auf der anderen Seite ein wenig Romantik um den Leuchtturm "alte Liebe", einen Helgoland-Anleger, die Reste des früher zu Hamburg gehörenden alten Amerikahafens, ein ziemlich heruntergekommender Fischereihafen, und eine Menge Alterswohnsitze für küstenliebende Rentner.
Diese leicht verschlafene "Halbinsel-Atmosphäre" scheint jetzt ein wenig aufgefrischt zu werden: schon die Investition von SIEMENS in ein Rotorenwerk für Windräder ließ aufhorchen, nun scheint auch eine schnelle Elbquerung wieder zu einem wirtschaftlich attraktiven Modell zu werden. Zwischen Cuxhaven und Brunsbüttel, einer Strecke von (wg. der Strömungsverhältnisse nautisch anspruchsvollen) 17 Seemeilen (ca. 30 km) wird eine neue Fährverbindung eingerichtet. Die Betreiberin, die neu gegründete ELB-LINK-Reederei ist eine Tochter der estnischen "Saaremaa"-Reederei, Christian Schulz der Geschäftsführer. Irritationen entstanden durch Presseberichte, dahinter stehe auch der estnische TALLINK-Konzern - was dieser aber angeblich dementierte, berichtet "Schiffe-und-Kreuzfahrten.de".

Wer Teele Viira noch nicht kennen sollte: vielleicht
braucht jemand in Cuxhaven noch eine
Galionsfigur?
Das hindert die Betreiber jedoch nicht, die Eröffnung in Cuxhaven ausgiebig ESTNISCH zu feiern: auftreten sollen am Mittwoch, den 19.August in Cuxhaven die Folkband "Viirelind", die Akkordeonspielerin Reet Lõugas von der Insel Saaremaa, sowie die Popsängerin Teele Viira und ihre Band (Mai Agan, Ain Agan) (Cuxhavener Nachrichten).
Zur Eröffnung hat sich neben den beiden Wirtschafts- und Verkehrsministern aus Schleswig-Holstein und Niedersachsen auch Vjatseslav Leedo von der "Saaremaa Laevakompanii" angesagt. Angeblich soll es am Nachmittag auch Ansprachen geben von Arnold Rüütel, Ex-Präsident Estlands, und Viljar Arakas vom Estnischen Unternehmer-Verband. Ein echter Estland-Stützpunkt in Deutschland also - vielleicht bei Erfolg der Fährlinie ausbaubar in Richtung einer Städtepartnerschaft? 

Die Wirtschaftsförderung in Cuxhaven hatte ein Verkehrsaufkommen für die neue Linie von jährlich 265.000 Pkw, 48.000 Lkw sowie 625.000 Passagieren vorausgesagt. Wie es heißt, soll sich besonders die Chemieindustrie in Brunsbüttel über die neue Verbindung freuen - denn die beiden Fährschiffe "Grete" und "Anne-Marie" (Ex "MV Saaremaa" und "MV Muhumaa") werden auch Waren aller Art, wie es heißt sogar Gefahrgut, transportieren. Die Schiffsnamen nehmen angeblich Bezug auf eine Cuxhavenerin, die zwischen 1919 und 1938 bereits einen Fährverkehr zwischen ihrer Heimatstadt und Brunsbüttel betrieben hatte (siehe "SHZ", Cux-Wiki - "Anne-Marie" war damals ein als Fähre umgebauter Fischkutter, die damalige "Grete" ein Krabbenkutter).
24 Fährfahrten pro Tag, das ergibt einen Abstand von 1 1/2 Stunden zwischen den einzelnen Abfahrten. Pro Fähre sollen 160 Pkw (oder 52 Pkw plus 16 LKW) Platz finden, dazu 600 Personen. Ohne Fahrzeug gelangt man schon für 5 Euro auf die andere Elbseite, eine Person plus Fahrrad kommt mit 8 Euro aus - eine Option also auch für Touristen und Reiseradler.
Dennoch: es gibt auch kritische Kommentare. Frank Behling weist in den "Kieler Nachrichten" auf die unterschiedlichen Fahrpreise hin: während man seinen PKW in Glückstadt / Wischhafen für 5 Euro über die Elbe bringen kann, sind es in Cuxhaven 25 Euro. Ob die Verhältnisse dann so bleiben, dass in Wischhafen die Autoschlangen teilweise stundenlang warten müssen und in Cuxhaven "Fährplatz frei" meldet, muss abgewartet werden. Für den Betrieb der Linie Cuxhaven-Brunsbüttel hatte es aber auch andere Interessenten gegeben: die Bremer "Naval Consult Lasse und Pache GmbH" hatte erst Anfang des Jahres ihr Projekt "Elbe-Ferry" vorgestellt. Diese Schiffe sollten mit schadstoffarmem verflüssigtem Erdgas betrieben werden, das Projekt fand jedoch keine Investoren.
Der letzte bisherige Versuch des Bremer Unternehmers Egon Herbert Harms mit seiner "Elb Ferry" dauerte nur 19 Monate, von 1999 bis 2001. Ob es unter estnischer Regie erfolgreicher sein wird? Vielleicht bringen die Esten ja auch noch ein paar "e-Lösungen" (e-Elbe von e-estonia?) mit nach Art der mobilen Cuxhaven-Info bei "Geocatching" - wundern würde mich es nicht. Eine Online-Buchungsmöglichkeit gibt es jedenfalls schon jetzt.

Einladung zur Eröffnung (PDF) / Webseite Elb-Link / Facebookseite Elb-Link/
Elb-Link auf Twitter
Berichte zur Eröffnung auf Estnisch:
meiemaa.ee / Saarte Hääl

Samstag, Juli 18, 2015

Öfter mal nachmessen!

Die Landesgrenze wurde neu vermessen - aber dass
deshalb auch die estnischen Euro-Münzen neu
geprägt werden müssen, bleibt vorerst nur
ein Gerücht ...
Estland wächst um fast 100 qkm! Wie geht das? Es wurde mal genauer nachgemessen. Die zuständigen Landvermessungsbehörden gaben jetzt bekannt, dass bisher auf Vermessungsdaten zurückgegriffen wurde, die mehr als 20 Jahre alt waren. Man hat neu vermessen lassen, und siehe da: nicht mehr 45.227 qm groß soll die Landesfläche Estlands sein, sondern 45.339 qm ist die neue Zahl.
Die meisten Korrepturen habe man bei der genauen Landgrenze die an die Ostsee grenzt vornehmen müssen. Manchmal habe es Ungenauigkeiten von mehr als 50m gegeben.(ERR).

Donnerstag, Juli 09, 2015

Estnische Sorgen

Die Aufnahme von Flüchtlingen in Estland könnte den Nationalstaat und seine Souveränität beeinträchtigen - in Estland braucht es keine zwielichtigen "Pegida"-Versammlungen, um solche Ansichten in der Öffentlichkeit bekannt zu machen; es war der ehemalige Präsident Arnold Rüütel, der sich in den estnischen Medien so äusserte (zitiert bei ERR).

Es ist ein seltsames Thema. Wer sich in der estnischen Geschichte nicht so gut auskennt, dem wird sicherlich sehr viel erzählt werden über estnische Flüchtlinge in der ganzen Welt, Estland zwischen zwei Diktatoren und dem langen Warten auf die wieder erkämpfte Unabhängigkeit. Sind Estinnen und Esten nur dorthin geflohen wo Menschen mit ähnlicher Lebensauffassung und Traditionen wohnten? Sicher nicht. Wer vor Krieg und Verfolgung flieht, hat wahrscheinlich andere Sorgen.

Regierungschef Taavi Rõivas, Verteidigungsminister
Sven Mikser und Sozialminister Margus Tsahkna
bei einer gemeinsamen Pressekonferenz
zum Flüchtlingsthema
Estnische Politiker allerdings nicht. Sie glauben offenbar fest daran, Flüchtlinge in irgendeiner Art und Weise "sortieren" zu können, bevor sie estnische Grenzen passieren. "Wir würden christliche Migranten bevorzugen", so läßt sich Sozialminister Margus Tsahkna, frisch gewählter Vorsitzender der konservativen IRL, zitieren. Andere Vorbehalte klingen folgerichtig: die Argumente versuchen von eigenen Schwächen abzulenken: "Man müsste den Esten erklären, warum Flüchtlinge eine Krankenversicherung haben, unsere Arbeitslosen aber nicht", meint Ohtuleht.

Ex-Kommunistenführer Rüütel, heute Ehrenvorsitzender der estnischen Konservativen Volkspartei (EKRE), appelliert offenbar immer noch im Bewußtsein der Unkenntnis in der Welt gegenüber estnischen Verhältnissen: "Wir haben bereits einen der größten Anteile von Nicht-Einheimischen in ganz Europa." EKRE behauptete schon vor Monaten, die estnische Regierung plane eine "Massenimmigration" von bis zu 50.000 Asylanten innerhalb der nächsten fünf Jahre.
Nicht-Einheimische? Da wird eine Doppeldeutigkeit estnischer Politik deutlich: einerseits tut die estnische Regierung alles, um die "Normalität" der estnischen Verhältnisse darzustellen - Russen als gleichberechtigte Mitbürger, entweder auf den Wartelisten zur Einbürgerung, oder als selbstgewählte Sonderlinge mit "Nichtbürgerpass". Alles ganz normal. Aber wenn es um die Belastbarkeit dieser "Normalität" geht, sind gebürtige Russen - egal ob mit oder ohne Staatsbürgerschaft - plötzlich wieder "Nicht-Einheimische". Und das 25 Jahre nach Wiedererlangung der Unabhängigkeit.

Zukünftige Szenen in Estland? Eine Bildmontage
eines estnischen Bloggers
Aussenministerin Keit Pentus-Rosimannus sucht derweil Rat in Schweden. "Flüchtlingen bei der Jobsuche zu helfen, kann ihre Integration in die Gesellschaft beschleunigen," meint sie vor der Presse, sagt aber nicht dazu, ob damit Jobs in Estland gemeint sind. Im nordestnischen Vao wurde inzwischen ein ganzes Flüchtlingsheim "vorsorglich" geräumt, weil Proteste dagegen befürchtet wurden. Regierungschef Taavi Rõivas, Verteidigungsminister
Sven Mikser und Sozialminister Margus Tsahkna versuchten Bedenken entgegenzutreten: "Das Gerede von einem 'Trojanischen Pferd' durch Flüchtlinge ist absolut haltlos", so der amtliche Regierungston. Es gäbe auch estnische Unternehmer, die gerne bereit wären Flüchtlingen Arbeit zu geben. Die estnische Regierung hatte sich bereits energisch gegen feste Aufnahmequoten von Flüchtlingen ausgesprochen, deutete aber an, eine Aufnahme von 200 Personen innerhalb der nächsten zwei Jahre wäre möglich. Diese Flüchtlinge sollen dann "über ganz Estland verteilt" werden, angeblich um die Bildung von "Ghettos" zu vermeiden (siehe ERR). Ministerpräsident
Rõivas äusserte seine Überzeugung, diese Flüchtlinge würden auch Estnisch lernen wollen.

Freitag, Juni 05, 2015

Kinderbetreuung landesweit ungleich

Auch in Estland machen die Erzieher/innen und Mitarbeiter in Kindergärten und Betreuungseinrichtungen für Estlands Nachwuchs mobil. 16.000 Unterschriften wurden kürzlich gesammelt, um gegen die landesweit sehr ungleiche Bezahlung zu protestieren. Ein eindrucksvolles Beispiel nennt die Nachrichtenagentur ERR: während eine Angestellte eines Kindergartens in dem kleinen südost-estnischen Städtchen Kallaste mit 427 Euro monatlich lediglich knapp über dem vorgeschriebenen Mindestlohn liegt, zahlt man für die gleiche Arbeit auf der Insel Vormsi 1.132 Euro. Reiche estnische Gemeinden würden ihre Mitarbeiter/innen von armen Gemeinden systematisch abwerben, so der Vorwurf. In den Kinderbetreuungseinrichtungen solle dasselbe System wir in estnischen Schulen eingeführt werden, so die Forderung. Dort gilt ein Mindestlohn von brutto 900 Euro.

Insgesamt fehlt es in vielen estnischen Gemeinden an Kindertagesstätten, gerade in größeren Städten wie Tartu und Tallinn. Mit Hilfe des EU-Sozialfonds soll es nun finanzielle Unterstützung für Gemeinden beim Aufbau neuer Einrichtungen geben. Untersuchungen zufolge arbeiten etwa 6.000 Estinnen und Esten nur deshalb nicht, weil sie tagsüber keine Betreuung für ihre Kleinkinder finden können. In 93% der Fälle übernehmen dann die Frauen diese Aufgabe. Estnische Gesetze sehen eigentlich eine Garantie für einen Betreuungsplatz vor sobald das Kind 18 Monate alt ist.

Sonntag, Mai 31, 2015

Neu gemixt: ein "echter Ossi"

Wechsel an der Spitze der estnischen Sozialdemokraten (Sotsiaaldemokraatlik Erakond): nicht mehr Sven Mikser, sondern Jevgeni Ossinovski ist jetzt der neue Vorsitzende. Geboren 1986 in Kohtla-Järve, Sohn des gegenwärtig reichsten Mannes in Estland, studierte Ossinovski Philosophie und Politik an der "London School of Economics and Political Science", der University of Warwick und Universität Tartu. Seit 2011 Mitglied des Riigikogu (Estnisches Parlament) mit den Arbeitsschwerpunkten Außen- und Europapolitik sowie Russland, war Ossinovski 2014/15 bis zur Neuwahl des estnischen Parlaments ein knappes Jahr lang Bildungsminister.

Immerhin ist Mikser amtierender Verteidigungsminister und war seit 2010 Parteivorsitzender. Im letzten Moment hatte er vor einer Kampfabstimmung die eigene Kandidatur zurückgezogen, so dass Ossinovski 443 Stimmen erhielt, 39 Delegierte stimmten gegen ihn.
Ist das Selbstverständnis des Jevgeni Ossinovski anders? Dem "Spiegel" sagte er einmal im Interview: "Außerhalb des Landes bin ich Este und Europäer, zu Hause sage ich: Ich bin ein Russisch sprechender Este."
Es heißt Ossinovski strebe gegenwärtig kein Ministeramt an - obwohl er bei der Neubildung der Regierung nicht berücksichtigt wurde. Allerdings hält er den gegenwärtigen Koalitionsvertrag für "überarbeitungsbedürftig" (siehe "Postimees"). Ossinovski hatte auch bei der Wahl des Ministerpräsidenten nicht für Taavi Rõivas gestimmt (ERR).

Interessant dürfte auch sein, ob der Konflikt zwischen Ossinovski und dem frisch ernannten Bildungsminister Jürgen Ligi weitergeht - 2014 musste Ligi zurücktreten, nachdem in den sozialen Netzwerken abschätzige Äusserungen Ligi's über Ossinovski bekannt geworden waren. "Die gegenwärtige Koalition wird keine vier Jahre überstehen" - diese Äußerung stammt ebenfalls von Jevgeni Ossinovski (ERR). Estnische Medien spekulieren außerdem darüber, ob sich die Sozialdemokraten nun einer Zusammenarbeit mit der Zentrumspartei nähern könnten, nach dem deren Vorsitzender Savisaar schon seit Wochen im Krankenhaus liegt und sich hier eventuell ebenfalls ein Wechsel an der Parteispitze abzeichnet.

Auch bei der gegenwärtigen Koalitionspartei "Isamaa ja Res Publica Liit" (IRL - "Pro-Patria- und Res-Publica-Union") stehen Änderungen an, die ihren Parteikongress am 6.Juni abhalten wird. Der bisherige Parteichef Urmas Reinsalu kandiert nicht für die Wiederwahl.

Dienstag, April 21, 2015

Kein Brot mehr für den Präsidenten

Kennen Sie Merry Bullock? Hmm, vielleicht hätten Sie sich auch für diese Dame nicht zu interessieren brauchen. Vielleicht wären ihre Fachkenntnisse auf die Zirkel der international vernetzten Psychologen beschränkt geblieben, und nur bei genauerer Betrachtung wäre vielleicht zumindest aufgefallen, dass sie auch schon mal in Estland gearbeitet hat (siehe Virumaa.ee).

Ganz verschwinden aus dem Blickfeld der estnischen
Öffentichkeit wird Evelin Ilves (ex Int-Lambot) sicher auch in
Zukunft nicht
"No time for honeymoon", sagte kürzlich Präsident Toomas Hendrik Ilves, und meinte damit, etwas launisch - wie so oft - nicht sich selbst, sondern die neue Regierung. Nun aber lässt Herr Präsident sich scheiden - und die offiziellen Stellen sehen sich genötigt, neben all dem Klatsch und Tratsch, den die Sache inzwischen schon erzeugt hat, eine offizielle Pressemitteilung herauszugeben. "Ich bin bereit für den Krieg," - auch ein Zitat des Präsidenten, allerdings meinte er wohl damit nicht seine Frau. Am 30.April trete die Scheidung von Evelin in Kraft, verkündet die Nachrichtenagentur ERR. Nicht ohne hinzuzufügen, dass neben der gemeinsamen Tochter Kadri Keiu Ilves (geb. 2003) auch noch zwei weitere Präsidenten-Kinder existieren: Luukas Kristjan (geb. 1987) and Juulia Kristiine (geb. 1992), beide aus erster Ehe von Toomas Hendrik mit eben dieser US-Psychologin Merry Bullock.

Das letzte offizielle gemeinsame Fotos? Herausgegeben
von der Pressestelle des Präsidenten, zum
estnischen Nationalfeiertag am 24.Februar
. Ohne Fliege,
ohne Händedruck
Da blicke noch einer durch - das estnische Leben bei Hofe scheint in Estland momentan nicht ganz unkompliziert zu sein. Oder anders gesehen: beide Frauen hat Herr Ilves offenbar während seiner  außenpolitischer Tätigkeit kennengelernt.

Bisher stellte das Präsidentenbüro, neben der Arbeit des Präsidenten, auch die Aktivitäten von Evelin Ilves ausführlich vor - zum Beispiel mit eigener Webseite.Vielleicht kehrt sie ja in die Werbebranche zurück - schon früher als Mitarbeiterin von "Enterprise Estonia" war sie mit beteiligt an der estnischen Imagewerbung im In- und Ausland (Beispiele: Evelins Brotrezepte, oder auch ihre Teilnahme am Berliner Inline-Marathon 2008). Im August 2014 hatte Evelin Ilves in der estnischen Presse Aufsehen erregt, als Fotos auftauchten, die sie nach einer Party in inniger Umarmung mit einem jungen Franzosen zeigten. „So ist das Leben. Du weißt nie, was geschehen wird. Und das, was geschieht, könnte etwas sein, das du nie erwartet hättest.“ (Zitat Daniela Schadt, deutsche First-Lady, im Gespräch mit Evelin Ilves vor zwei Jahren - FOCUS)

Der eifrige Twitter-Nutzer Toomas Hendrik Ilves ("The man who made E-Estonia" - schrieb der Guardian) war 2011 mit 73 von 101 Stimmen für eine zweite Amtszeit als Präsident Estlands gewählt worden. Ilves wurde in Schweden geboren, studierte in den USA Psychologie und arbeitete für "Radio Free Europe" in München, bevor er 1993 in den diplomatischen Dienst Estlands eintrat (und seine US-Staatsbürgerschaft aufgab). Seine USA-Kenntnisse wurden auch schon mal so beschrieben: "Er kannte Bruce Springsteen, bevor dieser sein erstes Album veröffentlichte." (Observer) Seine Amtszeit als Präsident läuft 2016 aus.

Dienstag, März 31, 2015

Keime, Koalition und Stühlerücken

Ein ganzer Monat ist verstrichen seit dem Tag der estnischen Parlamentswahlen. "Regierungspartei gewinnt die Wahl", so lautete das Resumee vieler Medien (siehe Spiegel, Die Presse, NOZ, Merkur, WDR). Aufmerksamkeit zog auch der erneut erhöhte Anteil derjenigen auf sich, die "per Internet", (E-Voting) ihre Stimme abgegeben haben (Heise.de, Finanztreff). Und einige Tage später kam noch die Feststellung: "Regierung verliert Mehrheit" (FAZ, Süddeutsche, Stern, Kurier). Gestern fand bereits die erste Stitzung des neu gewählten Parlaments statt - aber wie die Regierung genau aussehen wird, und mit welchem Koalitionsprogramm sie antreten will ist noch immer unklar. Noch bevor die neue Regierung gebildet werden kann, hat sich in Estland bereits politisch sehr viel verändert.

Die Veränderung liegt allerdings nicht nur in zähen Koalitionsverhandlungen. Fast ebenso einschneidend war eine schwere Krankheit des Tallinner Bürgermeisters und Vorsitzendem der Zentrumspartei, Edgar Savisaar. Die Pressestelle der Uniklinik Tartu sprach von einer "Infektion" (mit Streptokokken), und als Folge musste Savisaar ein Bein teilweise amputiert werden (ERR). Die Zentrumspartei hatte bei den Wahlen am 1.März 24,8% der Stimmen und 27 Sitze errungen - einer davon ging mit einer Rekordzahl von 25.057 Stimmen an Savisaar. Zum Vergleich: Regierungschef Taavi Rõivas vereinigte 15.881 Stimmen auf sich (siehe estn. Wahlkomitee).
Nun wird bereits darüber spekuliert was nach einem möglichen Rückzug Savisaars aus der Politik passieren könnte.

Möglicherweise das "neue Gesicht" der estnischen
Zentrumspartei: Kadri Simson, die an der Uni Tartu
und am University College London studiert hat und sich auf
ihrer Facebook-Seite als Rolling-Stones- wie auch
Paavo-Järvi-Fan ausgibt
Bisher war die Frage einer möglichen Erhöhung oder Abstufung der Einkommenssteuer am meisten als Hinderungsgrund für eine Einigung auf eine neue Regierungskoalition genannt worden. Die Reformpartei will die Steuern lieber senken und dafür das Kindergeld erhöhen.

Drei Wochen lang mühte sich Taavi Rõivas (Reformpartei), vier Parteien in die Gespräche einzubeziehen: die beiden bisher regierenden Reformpartei und Sozialdemokraten, die konservative IRL (Pro-Patria- und Res-Publica-Union), und auch die neu gebildete "Freiheitspartei" (Eesti Vabaerakond). Sollten sich bisher drei als unausweichlich unverzichtbare Partner der Reformpartei gesehen haben - denn die Zentrumspartei schlossen ja alle als Regierungspartner aus - so könnte sich das nun, mit möglicherweise neuer Führung der Zentrumspartei auch ändern. Einerseits könnten sich mögliche Partner der Reformpartei veranlasst sehen, für ihre "Treue" mehr zu fordern. Andererseits steht die estnische Parteienlandschaft möglicherweise an der Schwelle zu unerwarteter Flexibilität und Veränderung.

Steht diese Dame möglicherweise bald schon "zwischen"
diesen beiden Herrn?
(vlnr: Taavi Rõivas, Kadri Simson, Sven Mikser)
Kurzfristig am meisten Profit zieht offenbar die neue (von der IRL abgespaltene) "Freiheitspartei", deren Ausrichtung ja ohnehin noch mit vielen Fragezeichen versehen werden muss. Neueste Umfragen zufolge sehen die Partei bei 12% (ERR). Ginge es nur nach Umfragen - dann sahen auch schon mal angeblich 78% der Befragten die Freiheitspartei als Teil der neuen Regierung (was nun wahrscheinlich ja nicht eintritt). 

Ein Rücktritt von Savisaar könnte aber auch zur Bildung einer neuen, möglicherweise radikal pro-russischen Partei führen, meinen einige. Andere spekulieren bereits jetzt über ein mögliches vorzeitiges Ende der Koalition, die jetzt erst noch gebildet werden muss. Die Zentrumspartei dem gegenüber nominierte Franktionschefin Kadri Simson als vorläufige Parteichefin - eine Idee, die einige Parteimitglieder schon vor den Wahlen gerne vollzogen hätten.

Montag, März 02, 2015

Auftrag für Drei

Kurz nach Mitternacht (estnischer Zeit) steht das vorläufige amtliche Ergebnis der Parlamentswahlen fest:

Reformpartei (Eesti Reformierakond) - 27,7% - 30 Sitze (- 3)
Zentrumspartei (Eesti Keskerakond) - 24,8% - 27 Sitze (+1)
Sozialdemokraten (Sotsiaaldemokraatlik Erakond) - 15,2% - 15 Sitze (- 4)
Vaterlandspartei / Res Publika (Erakond Isamaa ja Res Publica Liit IRL) - 13,7% - 14 Sitze (- 9)
Freie Partei (Eesti Vabaerakond) - 8,7% - 8 Sitze (/ )
Konservative Volkspartei (Eesti Konservatiivne Rahvaerakond) - 8,1% - 7 Sitze ( / )

Entgegen einiger Voraussagen schaffte es damit die Reformpartei von Regierungschef Taavi Rõivas auch stärkste Partei zu werden. Allerdings schaffen es Sozialdemokraten und Reformpartei nicht zu zweit, die notwendige Stimmenmehrheit von mindestens 51 Sitzen zusammenzubekommen. Eine Drei-Parteienkoalition ist also wahrscheinlich, offen bleibt aber, welche. Rõivas schloss in einer ersten Reaktion nur eine Koalition mit der Zentrumspartei aus.
Die Wahlbeteiligung lag bei 64.2%, damit ungefähr gleich hoch wie 2011 (63,5%).
Zwei neue Parteien schafften den Sprung über die 5%-Hürde: die "Freie Partei", erst kürzlich gegründet von Andres Herkel, Ex-Mitglied der IRL, und die rechtspopulistische "Konservative Volskpartei" und deren bekanntesten Mitgliedern Mart und Martin Helme, die mit EU-Kritik und Sprüchen gegen Einwanderer zu punkten versuchen.
 
19,6% der abgegebenen Stimmen wurden elktronisch per E-Voting abgegeben. 

Auch die Stimmverteilung nur des E-Votings wurde gesondert bekannt gegeben: dabei ist vor allem die Abneigung der Wähler der Zentrumspartei gegenüber der elektronischen Stimmabgabe augenfällig.

E-VOTING:  Reform Partei 37.5%   /   IRL 17.2%  /  Sozialdemokraten 16.9%   / Freie Partei 12.0%
Zentrumspartei 7.7%   /  Konservative Volkspartei 6.9%

Mandatsverteilung im neuen estnischen Parlament

Estnische Wahlkommission

Sonntag, Februar 22, 2015

Hoffen auf den doppelten Champagner

Nie wurde in Estland gespannter ein festlicher Abend der US-amerikanischen "Academy of Motion Picture Arts and Sciences" erwartet wie am kommenden Wochenende. Wenn nach estnischer Zeitrechnung in der Nacht von Sonntag auf Montag die diesjährigen OSCARS vergeben werden, könnten die Estinnen und Esten im Falle positiver Nachrichten gleich die nächste Nacht zum 24.2. weiter durchmachen, wenn der 97.Jahrestag der estnischen Unabhängigkeitserklärung gefeiert wird.

Es steht zu vermuten, dass neben einigen Fläschchen Champagner auch etliche Kilo Mandarinen bereitgestellt werden, denn seit der gemeinsame Film des Georgiers Sasa Uruschadse mit dem estnischen Co-Produzent Ivo Felt im Bereich "bester ausländischer Film" für einen Oskar nominiert wurde, befindet sich fast ganz Estland in gespannter Erwartung, auch die Facebookseite zum Film hat bereits über 6000 Fans. "Zum ersten Mal hat es ein kleines Land mit 1,3 Millionen Einwohnern geschafft für einen Oskar nominiert zu werden!" jubelt die estnische Presse (ERR). Es scheint sehr wahrscheinlich, dass Sonntagnacht eine Menge privater Treffen organisiert werden und viele Estinnen und Esten bei einer Direktübertragung aus L.A. mitfiebern.

Allerdings schätzen die Filmproduzenten selbst ihre Chancen als eher gering ein. Der Film (engl. Titel "Tangerines") hatte bisher noch keinen Vertrieb in den USA gefunden, ist dort also eher unbekannt. Erst vor wenigen Tagen sicherte sich "Samuel Goldwyn Films" die US-Rechte. Allerdings lief "Mandariinid" schon auf etwa 30 internationalen Festivals, und räumte Preise ab unter anderem in Warschau und Mannheim/Heidelberg, dazu eine Golden Globe Nominierung.

Einiges an Symbolik wurde schon in den Film hineingedeutet: von "Esten als Konfliktmediatoren"(ERR) bis "Mandarinen als Friedenssymbol". Sehr zeitaufwändig war die Produktion nicht: zwei Wochen soll Uruschadse für das Drehbuchschreiben benötigt haben, die Dreharbeiten dauerten ganze zwei Monate. 60% der Projektkosten in Höhe von 650.000 Euro kamen aus estnischen Fördertöpfen. Zusätzliches Geld floss in eine weitere PR-Kampagne, begleitend zur Oskar-Nominierung. Wenigstens als erster der drei baltischen Staaten möchte Estland nun einen OSKAR für sich verbuchen.

Hier ein letztes Interview - natürlich per "Skype" nach Estland übertragen - der "Mandariinid-Helden", live aus L.A., kurz vor der Preisverleihung. 22.495 Euro hat die estnische Regierung (als Kostenzuschuß) allein dafür bereit gestellt, dass die Filmemacher bei der OSKAR-Verleihung dabei sein können. Vielleicht bringts Sympathie-Punkte für die Parlamentswahl? Abwarten.